Frieda taucht in Aksels Welt

Ganz aufgeregt öffnet Aksel unserer Frieda die Tür.

 

Aksel, den wollte Frieda immer einmal besuchen, mal in seine Welt und seine Familienleben schauen. Aksel und Frieda kennen sich aus einer Werkstatt und waren sich auf Anhieb sympathisch, vielleicht weil Aksel Gehörlos ist und Frieda gehörslose Menschen besonders in ihr kleines Herz geschlossen hat, da sie mit ihrer Gestik & Mimik allein schon Bände sprechen kann.

 

Das Gebärden fällt ihr ja eher schwer, denn mit Klauen gebärden mhhh, manchmal findet sie es echt schade, aber wie schon geschrieben, mit ihrer Gestik und Mimik macht sie alles wieder wett ;-)

 

 

 

 

Nun waren wir also endlich bei Aksel zu Hause und bei ihm sprudelten mit Worten und Händen nur so heraus. Er stellte uns eine Eltern und seine Brüder vor. Was sofort spürbar war, hier herrscht ein harmonisches und tolles Miteinander, daher fühlten wir uns sofort heimelig. Wir gingen durch ins Wohnzimmer, Aksel holte mit seiner Mutter Getränke aus der Küche.

 

Frieda war neugierig und schlich hinterher, aber Aksel, dessen Sinne anders geschärft sind als unsere, bemerkte sie sofort und nahm sie auf den Arm, zeigte ihr die Küche und nahm sie dann mit ins Wohnzimmer, wo wir alle gemütlich zusammen saßen, herrlich.

Der Kamin warf eine angenehme Wärme in den Raum, duftender Kaffee, Tee & Wasser und der von Aksel extra von der Bäckerei geholte Kuchen wurde auf den Tisch gestellt. Kuchen aus der Bäckerei war ihm ganz wichtig wie wir von den Eltern erfuhren. Frieda kicherte leise und fragte warum war es ihm denn so wichtig?! „Wir wollten mit ihm in einen Supermarkt gehen und Kuchen holen, aber Aksel sagte, Nein, wenn die Frieda kommt müssen wir zu einem richtigen Bäcker gehen!“

Frieda war sehr geschmeichelt, dass sie Aksel scheinbar so wichtig ist. So war das Eis schnell gebrochen. Frieda war so neugierig.

Gehörlose Menschen nehmen ihr Umfeld und auch die ganze Welt anders war. Sie spüren Stimmungen, haben ein anderes Gespür für Menschen und Situationen, sehen viel mehr, sprich nehmen vieles anders war, als hörende. Ähnlich geht es Menschen ja mit einer Sehbehinderung/Blindheit, auch diese Menschen empfinden ganz anders und ihre übrigen Sinne sind auch ausgeprägter.

Die Fragen sprudelten nur so aus ihr heraus. So kam die Frage nach der Verständigung innerhalb der Familie, wie Aksel sich denn nun mit seinen Eltern verständigt.

Aksel hat ein CI ein Cochlea Implantat:

(Das Cochlea-Implantat (englisch cochlear implant, CI ist eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv nicht funktionsgestört ist).

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Cochlea-Implantat

 

Das Implantat wird in einer Operation eingesetzt. Anschließend muss der Patient, in unserem Fall Aksel, das Hören lernen. Das braucht seine Zeit und hört auch lange nicht auf, er wird sein ganzes Leben lernen.

So hat er damit wieder gelernt zu hören, ja sogar wieder ganz gut zu sprechen. Auch das Sprechen muss ein Mensch, der nicht hören konnte lernen.

So versucht Frieda deutlich und nicht zu schnell zu sprechen, viele wissen gar nicht, das Schwerhörende gar nicht laut angesprochen werden wollen, sondern bitte immer langsam und deutlich, da hat Frieda schon richtig gehandelt, toll Frieda gut gemacht!!

Beide kommen hervorragend miteinander klar. Für alles was nicht klappt in der Kommunikation lassen Anke & Kerstin ihre Hände fliegen. Kerstin spricht ja Gebärdensprache, denn auch diese beherrscht Aksel sehr gut. Dies musste er auch erlernen.

 

Frieda fragt Aksels Eltern, wie das damals war, als sie festgestellt haben das Aksel nicht hören kann.

Beide erzählten, dass es bis zum Alter von 3 ½ Jahren einfach weder Ärzten noch Eltern und Verwandten aufgefallen ist, dass Aksel nicht hört. Wir sollten vielleicht erwähnen, dass Aksel eine sehr sympathische und besonders angenehme Verhaltensweise Menschen gegenüber hat und ausstrahlt, die zeichnet ihn wirklich aus. Der Vater entdeckte dann, dass etwas mit ihm nicht stimmt.

Die Ärzte bestritten es zuerst, trotz normaler U1, U2 etc. Untersuchungen, aber dennoch, nach und nach wurden allen klar; unser Sohn ist Gehörlos.

Während die Frage gestellt wurde, hatten wir das Gefühl, das für einen Sekundenbruchteil die Machtlosigkeit und der Schmerz der damals bei den Eltern aufkam, als die Diagnose fest stand, deutlich spürbar war.

Sie beschrieben es als Schrecklich und wie eine Ohnmacht.

Man muss sich das einmal vorstellen. Sie machen alles für ihr Kind, alles ist im grünen Bereich, alle Untersuchungen Tip -Top und dann erfahren sie, dass ihr Kind nichts hören kann!?? Machen sich wahrscheinlich Vorwürfe nicht eher etwas unternommen zu haben?!

Sie erzählten von Aksels Weg, wie er in Hannover in einer Klinik kam, längere Zeit immer wieder untersucht wurde, ein auf und ab der Gefühle.

Mal hieß es ihr Sohn ist gehörlos, dann wieder hätte er 10% oder mal 30 % Hörfähigkeit.

Man versucht zu verstehen, was Eltern in dieser Zeit durchmachen, aber nichts ist damit zu vergleichen, wenn man es selbst nicht erlebt.

Sie erzählen weiter, dass sie in der Familie ihre eigenen Gebärden mit Aksel haben und dies ist immer unkompliziert gewesen, daher war niemals der Gedanke bei der Familie aufgekommen die Gebärdensprache zu erlernen.

Was wir mit unseren Augen sehen können, ist eine Familie, die so in einer harmonischen Weise miteinander verbunden ist, dass die klassischen Gebärden nicht nötig waren. Aksel kam in einer Gehörlosenschule und lernte dort dann Gebärden.

Man spürt deutlich, dass die Eltern alles gemacht haben, was in ihrer Macht stand, im Gegenteil noch darüber hinaus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Frieda ist es ihr Aksel, den sie so sehr in ihr Herz geschlossen hat. Und in der Zeit, in der die Eltern uns von Aksels Werdegang erzählen und wir an ihren Lippen hängen, kuschelt Frieda sich mehr und mehr an Aksel heran, denn alles was sie hört und fühlt bestätigt ihr empfinden für diesen tollen jungen Mann und seine wundervolle Familie. Aksel zeigt ihr ebenfalls sein Wohlbefinden in dem er sie unbewusst an der Nase krault. Ein herrliches Bild bietet sich uns.

Frieda ermahnt uns, den ihr viel auf, das wir zu durcheinander gesprochen haben, da kann Aksel unserem Gespräch nicht folgen. Das wollen wir natürlich nicht, beenden unser Sprachwirrwarr und so fragt Frieda ihn, ob sie Kinderbilder von ihm sehen dürfe.

 

Sofort rennt Aksel los und holte seine Fotoalben und plaudert aus seinen Kindertagen. Wie es im Kindergarten war, wie die Schule begann, wie er Sprachtherapie bekam. Als die Momente kamen, als er das erste CI bekommen sollte. Die Beiden waren ganz vertieft und plauderten fröhlich und liebevoll vor sich hin. Er erzählt Frieda auch von seiner Katze, die er sehr liebt.

 

In dieser Zeit in der die Beiden Lachen, Kichern und manchmal auch ganz leise vor sich hin brabbelten, interessiert uns wann die Eltern nach Deutschland kamen. Wie erging es ihnen am Anfang, als sie nach Deutschland kamen? Ob sie irgendwann wieder in die Türkei zurück möchten oder sich hier heimisch fühlen? Wie sie sich fühlen wenn Fremdenfeindlichkeit, wegen Terroranschlägen durchs Land gehen? Ob sie sich bedroht oder ungewollt fühlen? Sie haben auch von Ihrer Firma gesprochen, wo sie auch hier Aksel vorleben, das man fleißig sein muss um etwas zu erreichen:

https://www.meister.de/muelheim-an-der-ruhr/bulut

Es war ein sehr schönes Gespräch, sehr offen, sehr klar, fast so, als ob wir uns schon sehr lange kennen. Was aber viel deutlicher geworden ist, ist die Erkenntnis, warum Aksel so ist wie er ist. Immer höflich, immer fleißig, nie ein böses Wort, sehr zuvorkommend, hilfsbereit, bringt sich immer ein, setzt sich für seine Mitmenschen ein, besonders für die Gehörlosen, baut Brücken.

Auf unsere letzte Frage, ob Aksel denn auch Freunde, oder gar Hobbys hat kam von den Eltern, als auch von Aksel, das seine Familie alles ist was er braucht. „Das Hören“ braucht viel Kraft, denn es ist immer noch nicht selbstverständlich, daher braucht er auch seine Auszeiten und nimmt diese auch gern an. Natürlich hat er Dinge wie Computer/Playstation und Handy und beschäftigt sich gerne damit oder spielt mit seinen Brüdern zusammen daran. In Büchern stöbert Aksel sehr gern und beginnt unsere deutsche Grammatik mit dem Lesen zu verstehen. Alles in allem, ein toller junger Mann, findet Frieda.

 

Aksel zeigt Frieda, wie er sein Handy zum Musik hören an sein CI anstöpselt und so seine Lieblingsmusik hören kann oder eben wie alle jungen Leute lustige Filmchen schaut. Frieda und Aksel lachen herzhaft über eine dieser lustigen Internetgeschichten.

 

Die Brüder Maikel, Aksel und Alisah verstehen sich sehr gut untereinander, dass spüren wir sofort. Aksels kleiner Bruder trägt ebenfalls ein Cochlea Implantat.

 

Die Zeit ist wie im Flug vergangen, wir haben früher schon geahnt, das Aksel sehr durch seine Familie geprägt ist, aber das erleben zu dürfen, war sehr schön.

Warum erzählt Euch Frieda dieses schöne Erlebnis?

 

Frieda möchte Hemmschwellen durchbrechen, wenn sich vielleicht jemand mal an der Supermarktkasse fragt, was ist das für ein komisches Gerät am Kopf? Wofür benutzt man so etwas, oder warum gibt es nicht ein normales Hörgerät, kann man damit auch Musik hören? Kann man übrigens, dann wird ein Kabel vom Implantat mit der Musikquelle verbunden (siehe oben). Es muss aber auch gepflegt (Umwelteinflüsse) werden, so liegt es über Nacht zum trockenen in einem Gerät.

 

Warum haben die Gehörlosen ein anderes Sprachbild? Was am schlimmsten aber ist, wenn Gehörlose Menschen nicht respektiert werden, gar für dumm gehalten werden, nur weil es immer noch nicht normal ist, wenn man wenig, oder nichts hört. Diese Menschen sind verunsichert, weil mit Ihnen nicht korrekt gesprochen wird, die Angst im Raum steht, dass das Gesagte nicht verstanden wird. Was wirklich nicht geht ist, Menschen im nichtverstehen, stehen lassen, dabei versucht ihr gehörloser Gesprächsteilnehmer alles um sie zu verstehen.

 

Lieben Dank Aksel, für den herrlichen Nachmittag, danke dass wir in deine Welt schauen durften, wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Gute & Liebe,

Deine Frieda & Crew

 

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Kommentare: 12
  • #1

    Sina (Freitag, 03 März 2017 23:02)

    Die Geschichte geht zu Herzen.
    Frieda, du zeigst und ein tolles Bild von einer tollen Familie, einem tollen jungen Mann.
    So kann Integration eben auch sein.
    Ich bin gerade sehr bewegt.

  • #2

    Gitta (Samstag, 04 März 2017 08:44)

    Welch ein liebevoll geschriebener Artikel.
    Tolle Familie, wirklich bewundernswerte junger Mann.
    Da wird einem warm ums Herz.

  • #3

    Konrad (Samstag, 04 März 2017 08:48)

    Klasse Story und unglaublich was die Technik und Medizin zu tun vermögen.
    Bewundernswert wie Aksel damit umgeht und super eine solche Familie im Rücken zu haben.
    Frieda, ein Dank und Lob für die Sicht der Dinge!

  • #4

    Gustav Gans (Samstag, 04 März 2017 10:19)

    Liebe Frieda,
    wir sind immer wieder aufs Neue gerührt, mit wie viel Liebe Du diese Geschichten schreibst.
    Du bewegst uns, tippst uns an und machst uns sensibel für Themen. Das gehörlose Menschen ein ganz besonders hohe Wertschätzung bei Dir geniessen ist wirklich toll.
    Du bist eine Bereicherung!

  • #5

    Julia (Samstag, 04 März 2017 13:59)

    Und Integration funktioniert doch, total schöne Geschichte.
    Bin sehr bewegt!

  • #6

    Jutta (Sonntag, 05 März 2017 12:05)

    Super Geschichte!!! Klasse Familie!!!

    Schön, auch diese Seite zu lesen und nicht immer das SCHLECHTE.
    DAUMEN HOCH FÜR DICH, FRIEDA!!!

  • #7

    Klaus (Sonntag, 05 März 2017 16:13)

    Super toller Artikel.
    Da können sich viele mal ein Beispiel dran nehmen.

  • #8

    Stefan (Montag, 06 März 2017 15:11)

    Sehr Vorbildlich!

  • #9

    Sabine (Dienstag, 07 März 2017 19:44)

    Frieda, es ist eine so liebevoll geschriebene Geschichte.
    Vorbildliche Familie und ein toller junger Mann.
    Da lebt eine Familie uns etwas GUTES vor.
    Ich wünsche insbedondere Aksel, dass er niemals auf Menschen trifft, die ihn nicht akzeptieren, wie er ist.
    Bewundernswert in alle Richtungen.

  • #10

    Leonie (Mittwoch, 08 März 2017 09:01)

    Und es geht doch mit der Freundschaft unter verschiedenen Nationalitäten.

    Herzliche Geschichte mit viel Wärme im Für- und Miteinander!!!
    Frieda, schön, dass Du gerade in dieser Zeit den Beweis erbringst.

  • #11

    Sebastian (Mittwoch, 08 März 2017 19:28)

    Ihr hättet den Zeitpunkt für den Artikel nicht besser aussuchen können.
    Schön, dass ihr aufzeigt, dass es auch im Miteinander geht.
    Sollten sich mal viele ein Beispiel dran nehmen.

  • #12

    Renate Walte (Samstag, 11 November 2017 17:43)

    Liebe Frieda,

    bitte entschuldige, aber ich möchte diesen Kommentar hier Aksel und seiner Familie widmen. Ich denke, das ist für Dich okay?! ;-))


    Lieber Aksel,
    liebe Familie,

    wir haben eine gemeinsame Freundin: FRIEDA!

    FRIEDA hat auch uns neulich auch besucht und hat uns persönlich von Euch berichtet. Ihr seid eine großartige Familie und ich schätze die Wertschätzung und Euren Familienzusammenhalt sehr. Aksel, Du bist ein ganz besonderer Mensch! Lass Dir von nichts und niemandem etwas anderes einreden!

    Ich persönlich möchte mich an dieser Stelle - auch im Namen unserer Mutter und meiner Schwester - aus tiefstem Herzen bei Euch für Eure Spende bedanken!!! Heutzutage ist es nicht einfach "Unterstützer/Unterstützung" in einer Angelegenheit zu bekommen, die erst einmal "nur eine Randgruppe" betrifft. Umso dankbarer sind wir für die Bereitschaft - von uns völlig fremden und unbekannten Menschen - uns so großzügig zu unterstützen. DANKE! <3

    Lieber Aksel, Dir und Deiner Familie von Herzen alles erdenklich Liebe und Gute!

    Renate